Stell dir vor, dein eigener Vater spioniert dich jahrelang aus und ist Grund für deine Inhaftierung in einem schrecklichen DDR-Gefängnis. Genau das passierte Manuela Polaszczyk im Jahre 1984. Manuela Polaszczyk, damals eine junge 20-jährige Dame, gefangen in der DDR mit dem Wunsch nach Freiheit, wagte den Versuch,durch die Ostsee schwimmend, zu fliehen. Ihr Fluchtversuch misslang jedoch, sodass sie inhaftiert wurde. Später erfuhr sie, dass ihr Vater sie für die Stasi bespitzelt hatte. Den Preis für diesen Verrat zahlte sie mit einer Haftstrafe im Frauengefängnis Hoheneck, indem sie täglich Leid erfuhr.

Wir, die Klasse 10b, hatten am 9. März 2021 die Möglichkeit, ein digitales Zeitzeugeninterview mit Manuela Polaszczyk zu führen und dadurch mehr über ihre Vergangenheit und das Leben in der DDR als politische Gegnerin zu erfahren.

Um uns auf das Interview vorzubereiten, haben wir unsere Klasse in vier Gruppen, die jeweils für ein Thema zuständig waren, eingeteilt. Diese beschäftigten sich mit den Themen Flucht, Haft, Verrat und Gegenwart und überlegten sich dazu Fragen, die chronologisch im Laufe des Interviews gestellt wurden. Viele unserer Mitschüler waren zuvor sehr aufgeregt, weil das für uns alle eine noch neue Situation war, jedoch linderte sich diese Aufregung im Laufe des Interviews, weil es dann doch eine unerwartet harmonische, lockere Atmosphäre war. Dies wurde vor allem von Frau Polaszczyks Offenheit unterstützt. Im Interview gab sie an, die Flucht nicht zu bereuen und dies jederzeit wieder zu machen, jedoch mit einer optimierten Planung und Vorgehensweise. Auf die Frage hin, wie sie zu ihrer Haft stünde, verriet sie uns, dass sie diese Zeit als schlimmste ihres Lebens empfand und sich täglich wünschte diese Qual zu beenden, aber keine Schwäche zeigen wollte. Diese verstörenden Erlebnisse zu Zeiten ihrer Haft verfolgen sie bis heute und lassen sie immer wieder erschaudern. Die Erkenntnis, dieses Leid durch den Verrat ihres Vaters erlebt haben zu müssen, zerstörte etwas in ihr. Sie konnte niemandem vertrauen, da ihre einzige Bezugsperson ihr in den Rücken gefallen war. Noch heute hat sie es schwer, neuen Menschen ihr Vertrauen zu schenken. Die Folgen ihrer brutalen Haft sind heute noch deutlich, da Frau Polaszczyk unter der Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose leidet. Beim Gedanken daran, sich in so einer Situation zu befinden, schätzen wir uns sehr glücklich unter deutlich besseren Umständen zu leben. Diese Erlebnisse auf gleiche Art und Weise nachvollziehen zu können, wird uns wahrscheinlich nicht gelingen, jedoch haben uns ihre Erzählungen einen tieferen Einblick gewährt.

Es war sehr schön, auf gleicher Ebene zu kommunizieren und ein beidseitiges Interesse zu spüren. Wir schätzen uns sehr glücklich, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen. Falls ihr euch noch intensiver mit Manuela Polaszczyks Geschichte befassen möchtet, könnt ihr diese in ihrem Buch „DDR – Ein schwerer Weg“ nachlesen.

Im Namen der 10b,
Jette Hinrichsen, Gülsu Kirli und Matilda Meßmer