Theater-AG des Otto-Hahn-Gymnasiums zeigte Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“

Güllen? Wo liegt Güllen? Eine heruntergekommene Kleinstadt wird zum Ort für ein ungewöhnliches Experiment: Die reiche Witwe Claire Zachanassian kehrt zurück in ihre Heimatstadt. Sie will „Gerechtigkeit“ – und kann sie sich „leisten“, formuliert sie gnadenlos und überzeugend. Sie will Rache üben an dem Mann, der damals die Vaterschaft für das gemeinsame Kind verleugnete. So macht sie den Bürgern des Städtchens ein ebenso einfaches wie bestechendes Angebot: „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.“

Am 12. April 2019 hatte die im Jahre 1956 uraufgeführte Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt Premiere am Otto-Hahn-Gymnasium, welcher noch zwei weitere Aufführungen am 13. und 14. April folgten.

Dabei verlegte die neu zusammengesetzte Theater-AG unter der Leitung von Elisabeth Stengel und Claudia Schelp die Heimatstadt der alten Dame kurzerhand in den schuleigenen Kulturkeller, ein Backstein-Gewölbe, der dem Bühnengeschehen einen idealen Rahmen bot. Ob Bahnhof (die Zachanassian reist mit dem Zug an und zieht zum Ausstieg die Notbremse), Dorfgasthaus, Sakristei oder Wald der frühen Liebe: die wechselnden Schauplätze verwandelten sich mal im atmosphärischen Dunkel, mal vor den Augen der Zuschauer zügig wie auch wirkungsvoll.

Überhaupt wurden die Zuschauer ins Geschehen mit hineingenommen, denn nicht nur die Bühne, sondern auch der ganze Raum wurde bespielt. Das machte an diesem Abend die Brisanz des 60 Jahre alten Stückes, „geschrieben von einem, der […] nicht so sicher ist, ob er anders handeln würde“ (Friedrich Dürrenmatt), deutlich. Es werden Schulden gemacht, einer nach dem anderen wird illoyal, um den ersehnten Wohlstand zu erlangen. Und an allen Ecken und Enden wird bedrohlich sicht- und fühlbar, dass es keinen Ausweg für Alfred Ill gibt. Sogar die Zuschauer stimmten am Ende über sein Schicksal mit ab, wurden Teil der Gemeindeversammlung und so gelang es, die Frage der „Gerechtigkeit“ unter den Theaterbesuchern erfahrbar werden zu lassen. Wo liegt Güllen? An diesen Abenden im Kulturkeller des OHG. Die immer wiederkehrende, beschwingte Musik, die im skurrilen Kontrast zur wachsenden Bedrohung stand, ergänzte das clever angelegte Raumkonzept.

Dass die Geschichte über die groteske Gerechtigkeit einer alten Dame, die „verrückte“ Moral und Käuflichkeit aller Bürger lebendig und aktuell wurde, ist aber vor allem der Verdienst der Schülerinnen und Schüler der Theater-AG. So bewältigten Svenja Reinhardt (Claire Zachanassian) und Benjamin Marwitz (Alfred Ill) zusammen mit ihren 15 Mitspielerinnen und Mitspielern den umfangreichen Text des Schweizer Dramatikers temporeich und mit viel Spielfreude und konnten auf diese Weise den Konflikt eindringlich darstellen sowie Tragik und Komik so vernetzen, dass Betroffenheit und Lachen sich die Hand gaben.

Klaus Hoock, Elisabeth Stengel