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von Erich Schunk
(aus der Festschrift zum 175-jährigen Jubiläum 2008)

 

Am 18. März 1833 eröffnete in Landau die „Königliche Landwirtschafts- und Gewerbschule II. Klasse“ und nahm mit 32 Schülern, die sich drei Tage zuvor eingeschrieben hatten, den Unterricht auf. Den Startschuss hierzu hatte der Stadtrat in einer Sondersitzung am 24. Dezember 1832 gegeben, in der er die Errichtung einer Gewerbschule beschloss „in Erwägung, dass das Bedürfnis einer solchen allgemein nützlichen Lehranstalt längst dahier gefühlt wurde“. Damit setzten die Landauer Stadtväter zugleich ein Reskript König Ludwigs I. von 1829 um, das die Gründung von Gewerbschulen in allen größeren Städten Bayerns vorsah. In der Pfalz folgten dieser Vorgabe außer Landau noch Kaiserslautern, Speyer und Zweibrücken.

Im Vorfeld des Stadtratsbeschlusses hatte Oberleutnant Bergmann vom 6. Infanterieregiment einen „wohlmotivierten Entwurf“ für die neue Schule vorgelegt. Bergmann wurde denn auch vorläufiger Schulleiter, bis im November 1833 das Provisorium „in eine Gewerbschule mit zwey Kursen umgewandelt“ wurde. Dann trat an seine Stelle der Schulleiter der Lateinschule, Subrektor Seitz, der damit zwei Schulen vorstand. Neben Seitz, der Vorträge über „Arithmetik, Planimetrie, Naturlehre und die Anfangsgründe der Mechanik“ hielt, wurde für den „Unterricht in der Naturgeschichte, Encyclopädie der Gewerbe, schriftlichen Aufsätzen und der Buchhaltung“ auch ein zweiter Lehrer der Lateinschule, Helfreich, engagiert. Die anderen Fächer wie Französisch, Landwirtschaftslehre, Linear- und Ornamentenzeichnen sollten von Aushilfslehrern unterrichtet werden. Einer dieser „Nebenerwerbslehrer“ war Oberleutnant Bergmann, der bis zu seiner Versetzung nach Germersheim 1841 stundenweise Mathematik und Mechanik unterrichtete.

Unter diesen Voraussetzungen waren nur Teilerfolge zu erreichen. Eine erste Überprüfung der Schule durch den „Kreis-Scholarchen Hofrath Jaeger“ im September 1834 erbrachte zwar „befriedigende Resultate“ in jenen Fächern, die Seitz und Helfreich unterrichteten; aber die „Encyclopädie der Gewerbe sowie die populäre Chemie (waren) bis dahin noch nicht an der Schule gelehrt worden“. Außerdem seien dringend ein sprachwissenschaftlich ausgebildeter Französisch- und ein eigener Lehrer für Linear- und Ornamentenzeichnen erforderlich. Schließlich: „Was den sittlichen Zustand der Gewerbschüler betrifft, so hat sich an demselben, wie an mehreren Schülern der lat. Schule noch viel Rohheit geoffenbart und der Vorstand der Gewerbschule (müsse) auch in dieser Beziehung einen befriedigenden Zustand herbeiführen“.

Die Zahl der Schüler war zwar im ersten Semester 1834 auf „9 Zöglinge“ gesunken, und Subrektor Seitz prognostizierte, die Zahl werde noch weiter fallen, wenn keine Fachkräfte eingestellt würden. Gleichwohl hatten die Gewerbschulen Modellcharakter. Friedrich Thiersch, der führende bayerische Bildungsreformer der Zeit und eigentlich ein eifriger Verfechter des altsprachlichen Unterrichts, registrierte bei zwei Inspektionsreisen in den Rheinkreis, dass die Pfälzer andere Vorstellungen hatten als die rechtsrheinischen Bayern. Der Landrat der Pfalz, schrieb Thiersch, „sieht in den lateinischen Schulen eben nur zunächst Beamtenschulen“. Allenthalben treffe man in der Pfalz „auf die realistisch-industrielle Ansicht“, wonach die „Intelligenz, Sittlichkeit und bürgerliche Wohlfahrt des Landes“ von den Elementarschulen und „der Gewerbschule vor Allem bedingt“ werde.
Die Absicht, die „realistische“ Bildung der nachwachsenden Generation zu fördern, honorierte der Landrat der Pfalz mit einem erklecklichen Beitrag zur Finanzierung der Gewerbschulen. Im Schuljahr 1834/35 unterstützte er die Schulen in Landau, Speyer und Zweibrücken mit je 1075 fl. , die Kreisgewerbschule in Kaiserslautern sogar mit 2075 fl. Für die Landauer Anstalt stellte dieser Zuschuss aus dem Kreis-Fonds bei einem Gesamtbudget von etwa 1800–2000 fl. einen wesentlichen Teil der Finanzierung dar. So war es ein schwerer Schlag, als der Landrat 1841 mehrfach die Zustimmung zu diesen Geldern verweigerte und der bayerische König nicht bereit war, diese Ausgaben zu übernehmen. Da die Stadt Landau die Existenz der Schule finanziell nicht absichern konnte, wurde sie am 1. Oktober 1841 aufgelöst. Der Landrat konnte seine Linie aber nicht lange durchhalten, denn ein Jahr später genehmigte er wieder die Gelder, und im Benehmen mit Stadtrat und Schulvorstand wurde verfügt, die Landwirtschafts- und Gewerbschule „unverzüglich und in der Art wieder zu eröffnen, wie sie im Jahre 1840/41 bestanden hat“.

Die Neugründung von 1842/43 traf auf günstigere Voraussetzungen als die Erstgründung zehn Jahre zuvor. Zum einen forcierte die allmählich einsetzende Industrialisierung die Errichtung technisch, gewerblich und naturwissenschaftlich orientierter Lehranstalten. So wurde tatsächlich statt der alten eine um einen dritten Kurs aufgestockte „Landwirtschafts- und Gewerbschule l. Klasse“ installiert. Damit verbunden wurde 1845 eine „Handwerker-Feyertagsschule“, die an Sonn- und Feiertagen Gesellen und Lehrlinge der verschiedenen Handwerke aus- und weiterbildete. 1869 wurde dieser Zweig zu einer „Gewerblichen Fortbildungsschule“ umgewandelt.

Zum anderen konnten statt der früheren Aushilfs- zwei voll ausgebildete Lehrer für den „Realien-Unterricht“ eingestellt werden. Einer von ihnen war Wilhelm Theodor Gümbel, der das Lehrfach und Forstwissenschaft studiert hatte. Gümbel war einer der profiliertesten Floraforscher der Zeit, verfasste einschlägige Arbeiten über Moose, aber auch Lehrwerke für den Naturkundeunterricht. Er war einer der Mitbegründer der „Pollichia“ im Jahre 1840 und gehörte acht weiteren Gelehrten Gesellschaften an. Die bedeutendste darunter war die älteste deutsche Akademie der Naturforscher, die „Leopoldina“.

Nach der Trennung der Gewerb- von der Lateinschule 1850 und einem Zwischenspiel unter Rektor Hoffmann übernahm Gümbel 1853 die Leitung. Seine Tätigkeit als Rektor war zwar recht kurz, da er 1858 an einer Lungen- und Hirnhautentzündung verstarb, aber sehr wirksam. Ein Bericht über die „Absolutorial- und Schluß-Prüfungen“ von 1856 stellte fest, „die Leistungen der Anstalt (hätten) mit wenigen Ausnahmen befriedigt“; von den Einrichtungen wurde besonders das neue „chemische Laboratorium“ hervorgehoben; Mängel gab es in den „Lehrvorträgen über Physik“, da „gerade die für das praktische Leben wichtigsten Abschnitte, wie die Lehre von der Wärme und Elektricität, ganz übergangen wurden“.

Wilhelm Theodor Gümbel war über die Schule hinaus auch als Mitgründer des Landauer Gewerbevereins aktiv. Für diesen Verein, später auch für die Arbeiterbildung, bot die Schule unentgeltlich öffentliche wissenschaftliche Vorträge an. So sprach Gümbel 1857 beispielsweise über den „Verbrennungsprozeß als Einleitung in das Thema Dung“, sein Kollege Schmitt über „die magnetischen Wirkungen des elektrischen Stroms und über ihre Auswirkung in der Telegraphie“. Mitte der 1850er Jahre besuchten im Schnitt etwa 100 Schüler die Anstalt, sie verteilten sich aber sehr ungleichmäßig auf die verschiedenen Kurse: Während sich für den ersten Kurs mehr als 60 einschrieben, waren es im zweiten kaum 20, im dritten unter 10. Hinzu kamen Schüler, die in der mechanischen Werkstätte in „praktischen Arbeiten“ unterrichtet wurden, und Hospitanten. Die Zahl der Sonntags-Schüler belief sich auf 36. Fast alle Schüler kamen aus Landau selbst oder der näheren Umgebung. Von ihrer sozialen Herkunft stammten sie in der Regel aus dem handwerklichen, kaufmännischen oder landwirtschaftlichen Bereich.

War die Gewerbschule bis dahin primär praxisorientiert, so zeichnete sich 1864 mit der Umgestaltung in eine „Königlich Bayerische Gewerbsschule“ auch die Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg ab. Die Schule sollte nämlich nicht nur „außer einer angemessenen allgemeinen Bildung zugleich eine theoretische Vorbereitung für den Eintritt in den Gewerbs- oder Handelsstand“ gewähren; sie galt auch als Vorstufe für die bayerischen Industrieschulen, die ihrerseits dann „den Uebergang an das Polytechnikum“ vermittelten. Hinzu kam 1868 das Privileg, Berechtigungsscheine für eine verkürzte Militärzeit, den „Einjährig-Freiwilligen-Dienst“, auszustellen.

Seit der Gründung der Schule war die räumliche Ausstattung prekär gewesen. Der Stadtrat hatte 1832 zwar beschlossen, dass aus dem sogenannten „Simonschen Haus“ an der Ecke König-/Martin-Luther-Straße die „Privat Miethbewohner sogleich“ auszuziehen hätten und in diesem Gebäude Latein- und Gewerbschule unterkommen sollten. Doch mit dem Anstieg der Schülerzahlen seit den 1850er Jahren half es auch nicht, die Dienstwohnung des Rektors zu Schulzwecken zu verwenden. 1864 erklärte die Stadt ihre Bereitschaft zu einem Neubau, wenn der Kreis finanzielle Unterstützung leiste. Fünf Jahre später wurde das Gelände an der heutigen Waffenstraße erworben, und Bezirksbauschaffner Maxon entwarf einen Plan:

„Die ganze Anlage befindet sich fern von den größeren Verkehrsplätzen der Stadt, an Straßen, in welchen ziemlich Ruhe herrscht und sind die Lehrer sohin beim Unterrichten gegen äußere Störungen möglichst gesichert… Die Gewerbschule kommt durch diesen Neubau in den Besitz geräumiger und schöner Lokalitäten. Insbesondere müssen hier Erwähnung finden die mechanische Werkstätte mit Schreinerei, Schmiede- und Dampfmaschinenraum. Das chemische Laboratorium mit dem Chemie-Hörsaal und dem Präparatenzimmer. Ferner enthält derselbe außer 10 Lehrsälen noch den Bibliotheksaal, das zoologische mineralogische Cabinet, das nach Süden gelegene physikalische Cabinet, das Rectorats- und das Lehrerzimmer. Im obersten Stockwerk befindet sich eine große Aula, der Zeichnungssaal, ein nach Norden gelegener Modellirsaal, ein Modellsaal und ein disponibler Raum. Im ganzen 23 Piecen.“ Die Lateinschule sollte insgesamt 15 Säle erhalten.

Im Januar 1870 erfolgte der erste Spatenstich, und am 22. Oktober 1872 begann mit dem neuen Schuljahr der Unterricht im neuen Gebäude (heute „Altbau“). Zur endgültigen Verteilung der verschiedenen Räume zwischen der mittlerweile Realschule gewordenen Gewerbschule und der zum Gymnasium aufgestiegenen Lateinschule kam es allerdings erst 1901–04.