SWR Aktuell Rheinland-Pfalz, 10.01.2018

 

 

Nach einer Führung durch die Universitätsbibliothek der Universität Landau inklusive Spurensuche nach Orten mit „Psychothrillerpotential“ – man denke an rollbare Regale im geschlossenen Magazin oder den Aufzug – ging es für die Schüler der Deutsch-Grundkurse 11 und 12 von Frau Branca zu einem spannenden Treffen mit Psychothrillerautor Sebastian Fitzek.

Sebastian Fitzek gilt als Deutschlands erfolgreichster Autor von Psychothrillern, seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt und wurden bereits international verfilmt. Er übernimmt die 11. Poetikdozentur der Universität Koblenz-Landau, da er durch seine intelligenten Handlungskonstruktionen „eine fiktive Realität entwirft, die den Leser in die dunkelsten Ecken seiner Psyche führt“, wie es das Zentrum für Kultur- und Wissensdialog auf seiner Homepage verrät.

Man wolle junge Leute fürs Lesen begeistern, so Prof. Dr. Anja Ohmer, und auch die Sicht des Schriftstellers kennenlernen. Als Meister des Psychothrillers habe Fitzek das Genre neu definiert; die Dozentur habe er aufgrund seiner Konstruktionen, den glaubwürdigen Charakteren und dem gekonnten Aufbau von Spannung erhalten.

Frau Branca hatte mit ihrem Kurs Fragen ausgearbeitet, die sie nun stellvertretend für die Schüler dem Bestseller-Autor stellte. Zum Auftakt durfte er drei Dinge nennen, die er mit auf eine einsame Insel mitnehmen wolle – „einen eReader, Kopfschmerztabletten und meine Frau, sonst bringt sie mich um“, war die Antwort. Dass sein Berufsweg nicht gerade gradlinig verlaufen sei, erfuhren die Schüler aus seinen Erzählungen, was er einmal werden wollte: Tierarzt, Tennisprofi, Schlagzeuger oder Besitzer einer Plattenfirma – „ich wollte viel werden und bin eigentlich ein absoluter Versager, da ich nichts davon erreicht habe“, schmunzelte der Autor, der immerhin ein halbes Semester Tiermedizin sowie Jura bis zum ersten Staatsexamen studiert hat, um dann im Urheberrecht zum Dr. jur. zu promovieren. Sein Lieblingsfach sei das Strafrecht gewesen. Nach einem Volontariat während des Studiums bei 104.6 RTL, Berlin (Radio) wurde er später Unterhaltungschef und Chefredakteur beim Berliner Rundfunk sowie selbstständiger Unternehmensberater für Hörfunkunternehmen.

Zum Schreiben sei er so gekommen: „Ich habe immer gerne gelesen und Geschichten erzählt, aber aufschreiben fand ich anstrengend.“ Als er einmal im Wartezimmer einer Arztpraxis auf eine Freundin wartete, habe er ein Gedankenspiel veranstaltet: „Was wäre, wenn sie nie wieder herauskommt?“ Aus dieser Idee entstand der erste Thriller. Er habe eine selektive Wahrnehmung und sei „konditioniert für verhaltensauffällige Menschen“. Er vertrete die These, dass jeder etwas erlebt habe, was Potential für einen Thriller habe: „Man sieht die Welt mit anderen Augen!“

Seine Bücher seien nicht autobiographisch, aber etwas von ihm schwinge immer mit: „Das Unterbewusstsein ist Co-Autor, das immer mitschreibt.“ Als Mensch sei man Herdentier und Forscher. Der Grund fürs Lesen sei, dass man in neue Welten aufbrechen wolle, denn das Buch sei auch eine Reise. Daher solle der Leser nicht immer nur ein Genre lesen, damit das Glücksempfinden anhalte.

Die von Frau Branca sehr höflich umschriebene Frage nach seinen Motiven konterte er direkt mit der eigenen Frage: „Muss man nicht selbst eine Macke haben, wenn man das schreibt?“ Aber als Autor könne man nicht aussuchen, was man schreibe, es gebe einen Impuls, auch wenn die Bücher gruselig würden. Aber ihm ginge es von seiner Intention her nicht um den Tod, sondern um das Leben. Es seien doch im Buch zeitliche Verdichtungen und unwahrscheinliche Momente – ihn würde die Realität eher verstören. Oft seien die Täter doch impulsgetrieben – so könne dies beim Leser eine Art Blitzableiterfunktion auslösen und der Leser gehe gestärkt aus der Lektüre hervor.

Wie er gelernt habe, mit negativer Kritik umzugehen, sei ein Prozess gewesen: „Kritik ist notwendig, um sich zu entwickeln“, gerade in Zeiten von Social Media sei man stark der Kritik ausgeliefert. Aber er habe einen Gradmesser: und zwar die Intention des Kritikers – sich selbst beweihräuchernde Kritiker seien nichts, aber konstruktive Kritik, aus der man einen Tipp fürs Weiterkommen kriege, sei gut. Er verriet den Schülern auch einen schönen Druckfehler in seiner ersten Auflage: Dort wurde ein „Schweinwerfer angeschaltet“.

Auf die Frage nach seinem eigenen Deutschunterricht früher lächelte er: „Ich war schlecht im Diktat, aber gut im Vorlesen und in Aufsätzen.“ Oft habe sich seine Note sogar noch verbessert, wenn er aus seinen Aufsätzen vorgelesen habe, so als ob die Lehrerin es erst dann verstanden habe.

Darauf aufbauend hatte Frau Branca Gegenstände, Adjektive und Verben aufgeschrieben, um zusammen mit Fitzek den Plot zu einem Psychothriller in der Unibibliothek zu gestalten, um so mehr über die schriftstellerische Herangehensweise des Autors zu erfahren. Sogar ein Cover – das Sebastian Fitzek später fürs OHG signierte – hatte sie entworfen. Anhand der gezogenen Wörter „markieren“, „kauen“, „kalt“, „zerstörerisch“, „Lehrerin“ und „Besessenheit“, die Sebastian Fitzek gezogen hatte, und „weinen“, „lieben“, „merkwürdig“, „verzweifelt“, „Kälte“ und „Experiment“ von den Schülern ging es los: „Jede gute Geschichte geht von den Figuren oder den Opfern aus“, so der Autor, die meisten Geschichten seien Familiengeschichten. Während der Krimi ermittlerbezogen sei, würde im Thriller jemandem etwas widerfahren und der Leser stelle sich die Frage „Wie würde ich reagieren?“ Der erste Entwurf sei immer Mist hätte schon Hemingway gesagt und daher wachse eine Idee bei ihm über Jahre, erzählte Fitzek. Der Klappentext eines Buches mache zwar neugierig und diese „äußere Reise“ verleite zum Kauf, aber lesen würde man immer wegen der „inneren Reise“, wegen der Frage „Wie verändert sich eine Figur? Kann sie die eigene Angst überwinden?“

Eine Idee sei immer schnell da, aber das sei noch nichts. Erst wenn diese Idee immer wieder anklopfe, dann schreibe er ein Exposé. In drei bis vier Monaten habe er den ersten Entwurf fertig und schreibe dafür täglich an dieser einen Idee. Oft würden die Figuren ein Eigenleben entwickeln und müssten angepasst werden. So könne aus einer Lehrerin eine Informatikerin werden.

Schriftsteller sei ein toller Beruf. Aber er brauche Schreibrituale und „Motivationskapitel“, um den inneren Schweinehund zu überwinden, sonst habe er tausend Ausreden. Er fange immer um 9 Uhr an zu schreiben, aber leider sei die Muse nicht immer pünktlich, schmunzelte er. Trotzdem sei er mit keinem seiner Bücher hundert Prozent zufrieden, denn eine Geschichte sei nie fertig. Er brauche immer Deadlines, um das Buch loszuschicken: „Sonst würde ich heute noch am ersten Buch sitzen.“ Mit seinen Büchern wolle er unterhalten, informieren sei nicht seine Intention, aber oft käme etwas unbewusst vor: „Jedes Buch hat eine Prämisse – die dem Autor nicht bekannt ist.“ Er selbst lese alles und zwar querbeet durch die Genres. Stephen King, Edgar Allan Poe, Michael Crichton, John Grisham, Henry Mankell, Daniel Kehlmann aber auch Michael Ende haben ihn inspiriert.

Der Plot handelte dann von einer Lehrerin, die etwas in der Bibliothek recherchieren wollte, von einem plötzlichen Schneesturm in derselben gefangen wird, einem toten Hausmeister und einem merkwürdigen Experiment, das sie zurück in die Kindheit führt… Psychothrillerpotential allemal! Und wer weiß, vielleicht waren die Schüler des OHG damit Zeugen einer Idee, die ein paar Jahre reifen muss, um dann zum nächsten Beststeller zu werden…